Pressestimme zum Besuch der Gedenkstätten in Bautzen am 07.10.2007
(RHÖN- UND STREUBOTE vom 22. Oktober 2007, Bericht und Fotos von Eva Wienröder)

Das "Gelbe Elend" war bis zur Wende ein Ort politischer Verfolgung

Musiker der Stadtkapelle Ostheim beschäftigen sich mit einem düsteren Geschichtskapitel

Ostheim-Bautzen. Der Aufenthalt des Musikvereins-Stadtkapelle Ostheim in Bautzen, wo das Orchester beim großen Blasmusikfest den ersten Platz belegte, war nicht nur von der Fröhlichkeit und Ausgelassenheit des Festivals geprägt. Auf Anregung ihres Ehrenvorsitzenden Harald Möller befassten sich die Mitglieder des Musikvereins auch intensiv mit einem düsteren Kapitel deutscher Geschichte, mit Bautzen als einstigen Ort von Sowjet- und DDR-Unrecht, denn Bautzen hat mit seinen beiden Strafanstalten Bautzen I und Bautzen II und dem Massengräberfeld am Karnickelberg traurige Berühmtheit erlangt.


Die Ostheimer Musikfreunde nahmen an einer Andacht in der Kapelle am Massengräberfeld Karnickelberg in Bautzen teil, die von Orchestermitgliedern würdig musikalisch umrahmt wurde.

Am nördlichen Stadtrand Bautzens war Anfang des 19. Jahrhunderts die zu ihrer Zeit modernste Strafvollzugsanstalt Sachsens erbaut worden. Bereits kurz nach seiner Errichtung hatte der gelbe Klinkerbau seinen berühmt-berüchtigten Beinamen „Gelbes Elend" erhalten. In der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 diente die Einrichtung als Zuchthaus, insbesondere für politische Gegner und Anhänger von Religionsgemeinschaften, die von dem diktatorischen System nicht geduldet wurden.

Traurige Tradition fortgesetzt

Die sowjetische Geheimpolizei setzte die traurige Zuchthaustradition von 1945 bis 1950 für ihre Zwecke fort und internierte nationalsozialistische Funktionsträger wie auch sozialdemokratische und bürgerliche Gegner des stalinistischen Systems. Von 1950 bis 1989 unterstand Bautzen I dem Ministerium des Innern der DDR und wurde nicht nur für Schwerkriminelle, sondern auch weiterhin für die Inhaftierung von politischen Gegnern genutzt. Nach der Wende endete die Geschichte des „Gelben Elends" als Ort politischer Verfolgung. Seit 1990 ist Bautzen I als Justizvollzugsanstalt dem sächsischen Justizministerium unterstellt.

Das Gefängnis, das heute zuständig ist für Untersuchungshaft und den Vollzug langer Freiheitsstrafen, kann nicht besichtigt werden, doch wurde die einstige Strafanstalt Bautzen II - auch als „Stasiknast" oder „Mielkes Privat-Knast" bekannt - zum Teil einer Gedenkstätte, die die Entwicklung beider Anstalten und das jahrzehntelange Unrecht dokumentiert.

Mit Harald Möller hatten die Musikfreunde aus der Rhön einen Zeitzeugen in ihrer Mitte, der tiefe Einblicke in die menschenverachtenden Zustände der beiden Einrichtungen und das Elend der von den Sowjets bzw. der Stasi inhaftierten politischen Häftlinge geben konnte. Möller, Vorsitzender des Bautzen-Komitees, der Vereinigung ehemaliger Häftlinge, die sich gegen das Vergessen der Verbrechen der kommunistischen Gewaltherrschaft einsetzt, war selbst viele Jahre inhaftiert und konnte seinen Musikfreunden anhand seiner eigenen Erlebnisse von den erschütternden Begebenheiten und den Verbrechen gegen die Menschlichkeit berichten.

18 Jahre nach der Wende droht das Unrecht der DDR-Diktatur in Vergessenheit zu geraten. Für die junge Generation, insbesondere für die jungen Leute, die nach der Wende geboren sind, ist das Thema bereits Vergangenheit.

Möller war es deshalb ein besonderes Anliegen, der Jugend die Auswüchse diktatorischer Gewaltherrschaft, des kommunistischen wie auch des vorangegangenen nationalsozialistischen Systems, verständlich zu machen. Er fand es daher auch gut, dass die Schüler unter den Vereinsfreunden von ihren Schulen den Besuch in Bautzen einen Tag frei bekommen haben.

Im Vorfeld des Besuchs der ehemaligen Sonderstrafanstalt Bautzen II hatten Musiker des Ostheimer Orchesters an einer Andacht in der Kapelle am Massengräberfeld am Karnickelberg musikalisch mitgewirkt. Am Karnickelberg waren der Zeit von 1945 bis 1949 mehr als 3.000 verstorbene Häftlinge namen- und würdelos verscharrt worden.

Der Ausflug nach Bautzen war auch nach Meinung von Ostheims Stadtoberhaupt Adolf Büttner, der mit der Stadtkapelle gereist war, ein unvergessliches Erlebnis. Man habe sehr viele positive Impressionen vom Festival und auch von den Sehenswürdigkeiten der Stadt behalten, „aber es war auch ganz wichtig, dass wir die andere Seite Bautzens kennen gelernt haben", so Büttner.

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